
Der ATNR – wenn Kopf und Körper noch miteinander verbunden reagieren
- Denise Hettmannsperger

- vor 1 Tag
- 4 Min. Lesezeit
Warum ein frühkindlicher Reflex auch später noch eine Rolle spielen kann
Dein Kind schreibt und dreht dabei das Blatt immer weiter zur Seite. Es stützt den Kopf beim Schreiben auf die Hand, sitzt irgendwie „verdreht“ am Tisch oder tut sich schwer, Bewegungen über die Körpermitte auszuführen.
Vielleicht fällt ihm das Abschreiben von der Tafel schwer. Oder Tätigkeiten, bei denen Augen, Hände und Körper gleichzeitig zusammenarbeiten müssen, kosten unglaublich viel Kraft.
Das alles kann, wie schon so oft gesagt, viele unterschiedliche Gründe haben.
Ein Baustein, den wir uns im Rahmen der Reflexintegration anschauen können, ist der ATNR – der asymmetrisch tonische Nackenreflex.
Was ist der ATNR?
Der ATNR gehört zu den frühkindlichen Reflexen. Diese automatischen Bewegungsmuster sind in der frühen Entwicklung vollkommen normal und wichtig.
Beim ATNR sind Kopfbewegung und Körperreaktion miteinander gekoppelt:
Dreht ein Baby seinen Kopf zu einer Seite, strecken sich typischerweise Arm und Bein auf der Seite, zu der das Gesicht zeigt. Auf der gegenüberliegenden Seite beugen sich Arm und Bein.
Die Haltung erinnert ein bisschen an einen Fechter – deshalb wird der ATNR manchmal auch als „Fechterstellung“ bezeichnet. Im Fachkreis gibt es hier einen Unterschied, aber die Erklärung sprengt den Umfang des Beitrags.
Der ATNR ist erstmal kein Störfaktor, sondern ganz normalernBestandteil der frühen motorischen Entwicklung. Er bringt zum Beispiel die Hand in das Blickfeld des Babys und wird mit der Entwicklung von Auge-Hand-Koordination und Körperwahrnehmung in Verbindung gebracht.
Mit zunehmender Entwicklung bekommt dein kleines Wunder immer mehr Kontrolle über seinen Körper.
Bewegungen werden weniger reflexgesteuert und zunehmend willkürlich, Wille tlich gesteuert. Die beiden Körperseiten können unabhängiger voneinander arbeiten. Hände finden zur Körpermitte, Gegenstände werden gezielt gegriffen und Bewegungen über die Mittellinie des Körpers werden möglich.
Ein deutlich sichtbarer ATNR ist bei typisch entwickelten Kindern nach etwa dem sechsten Lebensmonat nur noch selten zu beobachten.
Man spricht häufig davon, dass der Reflex „integriert“ wird.
Das bedeutet vereinfacht gesagt nicht, dass er aus dem Nervensystem gelöscht wird. Vielmehr wird das frühkindliche automatische Reaktionsmuster zunehmend von reiferen motorischen Kontrollmechanismen überlagert. Das passiert so, früher oder später mit jedem frühkindlichem Reflex... eigentlich.
Was passiert, wenn Anteile des ATNR später noch deutlich sichtbar sind?
Genau hier wird es für meine Arbeit in der Reflexintegration interessant.
Stell dir vor, dein Körper möchte eine Bewegung ausführen – gleichzeitig besteht aber noch eine starke Kopplung zwischen der Bewegung des Kopfes und der Reaktion von Armen und Beinen.
Dann kann eine eigentlich einfache Aufgabe unter Umständen mehr Kompensation und Anstrengung verlangen.
Beobachtungen, die unter anderem Anlass geben können, genauer hinzuschauen, sind zum Beispiel:
- Schwierigkeiten, die Körpermittellinie flüssig zu überkreuzen
- auffällige Haltung oder starke Drehung des Körpers beim Schreiben
- Schwierigkeiten bei Aufgaben, die beide Körperseiten unterschiedlich beanspruchen
- Herausforderungen bei Auge-Hand-Koordination und feinmotorischen Tätigkeiten
- motorische Unsicherheit oder Schwierigkeiten bei bestimmten Bewegungsabläufen
- Schreiben oder Malen, kostet auffällig viel Kraft und Konzentration
Auch Zusammenhänge mit schulischen Fähigkeiten werden wissenschaftlich untersucht. Studien fanden beispielsweise Assoziationen zwischen einem fortbestehenden ATNR und schwächeren Leistungen beim Lesen und Schreiben. Wichtig ist allerdings das Wort Zusammenhang: Daraus lässt sich nicht ableiten, dass ein persistierender ATNR eine Lese-Rechtschreib-Schwäche verursacht.
Und was ist mit Konzentration und ADHS?
Gerade bei diesem Thema möchte ich sehr genau sein.
Auch zwischen persistierenden frühkindlichen Reflexen und ADHS-Symptomen wurden Zusammenhänge gefunden. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse berichtete beispielsweise eine moderate Assoziation zwischen ADHS und dem ATNR. Gleichzeitig weisen die Autoren ausdrücklich darauf hin, dass die bisherige Forschung keinen ursächlichen Zusammenhang nachweisen kann.
Also...ein aktiver ATNR verursacht nicht automatisch ADHS. Und ein Kind mit ADHS kann von Reflexintegration profitieren, ,,muss,, aber nicht passen - wir erinnern uns an vorherige Beiträge...Kinder sind individuell...man muss genau hinschauen.
Kinder sind komplex. Entwicklung ist komplex.
Genau deshalb möchte ich nicht nach einer einzigen Erklärung für ein Verhalten suchen, sondern das Kind als Ganzes betrachten.
„Aber mein Kind kann das doch, wenn es sich anstrengt!“
Das ist ein Satz, den ich bei meiner Arbeit so oft hörebund der macht mir tatsächlich regelmäßig Gänsehaut...
Es geht gar nicht darum, ob ein Kind etwas grundsätzlich kann!! Viel wichtiger ist doch, wie viel Kraft braucht dein Kind dafür?
Ein Kind kann eine ungünstige motorische Strategie häufig kompensieren. Es findet seinen eigenen Weg, eine Aufgabe trotzdem zu bewältigen.
Von außen sehen wir dann schon dieses
„Es geht doch", aber vielleicht ist dieses „es geht“ für das Kind deutlich mehr Konzentration und körperliche Anstrengung als Kinder ohne persistierende Reflexe sie brauchen.
Den Weg zum Ergebnis anzugugg ist ultra wichtig.
Wenn mir Eltern von Schwierigkeiten ihres Kindes erzählen, geht es mir nicht darum, möglichst schnell einen „auffälligen Reflex“ zu finden.
Wir schauen gemeinsam:
Was fällt deinem Kind schwer?
Wo muss es besonders viel kompensieren?
Welche Bewegungsmuster zeigen sich?
Und gibt es Hinweise darauf, dass frühkindliche Reflexmuster dabei noch eine Rolle spielen könnten?
Reflexintegration arbeitet anschließend mit gezielten, wiederkehrenden Bewegungsübungen.
Dabei ist mir eine ehrliche Einordnung wichtig: Die Forschung zu persistierenden frühkindlichen Reflexen entwickelt sich weiter.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit beschreibt Zusammenhänge mit motorischer und kognitiver Entwicklung und sieht bewegungsbasierte Interventionen als einen möglichen Ansatz. Gleichzeitig bewerten die Autoren die bisherige Studienlage als begrenzt und heterogen.
Reflexintegration ist deshalb für mich kein Versprechen, mit dem sich jede Lern-, Konzentrations- oder Verhaltensauffälligkeit erklären oder „wegtrainieren“ lässt.
Sie kann ein Baustein sein.
Dein Kind ist mehr als seine Themen!
Ein Kind, das beim Schreiben ständig seine Sitzposition verändert, ist nicht automatisch unkonzentriert und ein Kind, dem bestimmte Bewegungen schwerfallen, ist nicht faul oder zu doof die Übungen zu machen. Genauso ist es vielleicht so, dass ein Kind, das für eine Aufgabe länger braucht, sich vielleicht viel mehr an anstrengt, als man das außen sehen können.
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Reflexintegration im Mamawerk
Du hast das Gefühl, dass dein Kind bei Bewegung, Koordination, Konzentration oder schulischen Aufgaben ungewöhnlich viel Kraft benötigt?
Im Mamawerk können wir gemeinsam genauer hinschauen.
Die Reflexintegration richtet sich bei mir an Kinder ab ca. 4 Jahren.
In einem kostenlosen Erstgespräch können wir zunächst besprechen, was euch im Alltag auffällt und ob eine genauere Betrachtung der frühkindlichen Reflexe für dein Kind sinnvoll sein könnte.
Mamawerk – Denise Hettmannsperger
Reflexintegration für Kinder
Stutensee-Spöck
0173-8153171 - Denise Hettmannsperger


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