Schaukelbewegungen und frühkindliche Reflexmuster – was Bewegung mit dem Nervensystem deines Kindes macht
- Denise Hettmannsperger

- vor 1 Tag
- 3 Min. Lesezeit
Wenn dein Kind ist schnell unruhig ist, sich nur schwer konzentrieren kann, bei manchen Bewegungen unsicher wirkt oder unglaublich viel Bewegung braucht, fragst du doch vielleicht ob das alles so passt? Manchmal sind es Kleinigkeiten, die im Alltag auffallen – und es damit manchmal einfach schwerer machen als es sein müsste.
Ein möglicher Baustein, den wir uns dabei anschauen können, sind frühkindliche Reflexmuster und die Entwicklung des Nervensystems.
Was sind frühkindliche Reflexmuster?
Frühkindliche Reflexe sind angeborene, automatische Reaktionen des Körpers. Sie begleiten ein Baby bereits rund um die Geburt und unterstützen es in seiner frühen Entwicklung.
Dazu gehören beispielsweise der Moro-Reflex, der asymmetrisch-tonische Nackenreflex (ATNR), der symmetrisch-tonische Nackenreflex (STNR) oder der tonische Labyrinthreflex (TLR).
In den ersten Lebensmonaten sind solche automatischen Reaktionen vollkommen natürlich und wichtig.
Mit der weiteren Entwicklung des Kindes, der Reifung des Nervensystems und vor allem durch vielfältige eigene Bewegungserfahrungen verlieren diese Reflexmuster normalerweise ihren Einfluss. Immer mehr Bewegungen werden bewusst gesteuert, sicherer und automatischer.
Ganz einfacht gesagt:
Am Anfang reagiert der Körper automatisch. Je größer und alter dein Kind wird, desto mehr übernimmt das Kind selbst die Kontrolle über seine Bewegungen.
Was hat Bewegung mit dem Nervensystem zu tun?
Eine ganze Menge! Wenn dein Kind sich dreht, krabbelt, klettert, balanciert, schaukelt oder über seine Körpermitte greift, passiert viel mehr als eine reine Muskelbewegung.
Das Gehirn erhält dabei ständig Informationen aus unterschiedlichen Bereichen des Körpers: aus dem Gleichgewichtssystem, den Muskeln und Gelenken, der Haut und den Augen.
Diese Informationen müssen aufgenommen, verarbeitet und miteinander verbunden werden.
Durch wiederholte Bewegungserfahrungen können Bewegungsabläufe zunehmend sicherer und automatischer werden. Genau deshalb ist vielfältige Bewegung für die kindliche Entwicklung so wertvoll.
Warum nutzen wir Schaukelbewegungen in der Reflexintegration?
Rhythmische, sanfte Schaukelbewegungen geben dem Nervensystem wiederkehrende und vorhersehbare Bewegungsreize. Dabei wird unter anderem das Gleichgewichtssystem angesprochen.
Solche Bewegungen können außerdem die Körperwahrnehmung und Bewegungskoordination unterstützen und von Kindern als beruhigend erlebt werden.
Mir ist dabei eine Sache besonders wichtig:
Wir „trainieren“ einen Reflex nicht einfach weg. Der Grund hinter den Bewegungsübungen ist vielmehr, dem Nervensystem wiederholte Bewegungs- und Sinneserfahrungen anzubieten, das darf ganz ruhig und ohne Leistungsdruck passieren.
Drei erste Bewegungsübungen für zu Hause
Du kannst einige einfache Bewegungen spielerisch in euren Alltag integrieren. Dabei gilt immer: Dein Kind bestimmt das Tempo.
Die Übungen sollen angenehm sein und dürfen niemals gegen Widerstand durchgeführt werden.
1. Sanftes Wiegen in Rückenlage
Dein Kind liegt bequem auf dem Rücken. Wiege es sehr sanft und langsam vor und zurück – von den Beinen zum Kopf.
Schaukel für etwa 7 Sekunden, mache anschließend 3 Sekunden Pause und wiederhole dies für 6 Durchgänge.
Keine ruckartigen Bewegungen. Achte währenddessen auf dein Kind, seinen Gesichtsausdruck und darauf, ob sich die Bewegung für dein Kind gut anfühlt.
2. Bewegung über die Körpermitte
Biete deinem Kind beispielsweise einen Ball oder ein anderes Spielzeug seitlich an. Dein Kind soll sich drehen und über seine Körpermitte danach greifen.
Anschließend wird die andere Seite ausprobiert.
Bewegungen über die Körpermitte sind besonders spannend, weil dabei beide Körpers
eiten miteinander koordiniert werden müssen.
3. Mit dem Ball über den Kopf
Dein Kind liegt auf dem Rücken und hält einen Ball mit beiden Händen.
Nun führt es den Ball über den Kopf und legt ihn diagonal neben seinem Körper ab. Danach geht es zurück in die Ausgangsposition und die andere Seite kommt an die Reihe.
So entsteht eine Bewegung, bei der verschiedene Körperbereiche miteinander koordiniert werden und die Körpermitte eine wichtige Rolle spielt.
Muss mein Kind diese Übungen machen?
Bewegung soll verbinden und deinem Kind positive Erfahrungen ermöglichen – nicht überfordern.
Wenn dein Kind eine Übung nicht machen möchte, Schmerzen hat, ihm schwindelig wird oder du Stress bemerkst, wird die Übung beendet.
Manche Kinder mögen bestimmte Bewegungsreize sehr gerne, andere überhaupt nicht. Auch das darf sein.
Eines ist mir noch wichtig: Unruhe, Konzentrationsprobleme, Schwierigkeiten beim Schreiben, motorische Unsicherheiten oder andere Auffälligkeiten können viele unterschiedliche Ursachen haben. Sie sind für sich allein kein Beweis dafür, dass frühkindliche Reflexe fortbestehen, die Reflexaktivitäten kann und muss man testen, bevor ein gezieltes Training angeschlossen wir.
Es gehört immer dazu, das gesamte Kind anzuschauen und nicht nur einzelne Symptome.
Bewegung darf Freude machen
Kinder brauchen Bewegung. Sie brauchen Möglichkeiten zu klettern, krabbeln, rollen, schaukeln, balancieren, greifen und ihren eigenen Körper immer wieder neu kennenzulernen. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen dafür einen sicheren Rahmen geben.
Wenn du das Gefühl hast, dass bestimmte Dinge deinem Kind im Alltag besonders schwerfallen, kann es sinnvoll sein, genauer hinzuschauen und sich fachliche Unterstützung zu holen.
Denn manchmal steckt hinter dem, was wir als Verhalten sehen, viel mehr, als wir auf den ersten Blick erkennen können.
Denise Hettmannsperger – Mamawerk
Reflexintegration | Wissen, Begleitung und Bewegung für Kinder und ihre Familien




Kommentare