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Kleine Gefühle ganz groß - Wutanfälle begleiten


Wenn kleine Gefühle ganz groß werden – Wutanfälle liebevoll begleiten


Vielleicht kennst du solche Situationen:

Dein Kind möchte noch auf dem Spielplatz bleiben, doch ihr müsst nach Hause. Es möchte den blauen Becher, aber der steht gerade in der Spülmaschine. Oder es möchte noch rutschen, obwohl es längst Zeit zum Duschen ist.


Du sagst Nein – und plötzlich bricht die Welt deines Kindes zusammen.


Es schreit, weint, wirft sich auf den Boden oder schlägt vielleicht sogar um sich.


Manchmal geschieht das so plötzlich und heftig, dass wir Erwachsenen selbst nicht wissen, wie wir jetzt richtig reagieren sollen.


Dein Kind macht das nicht, um dich zu ärgern. Es möchte dich nicht manipulieren und es ist auch nicht „schwierig“.


Dein Kind ist in diesem Moment von seinen Gefühlen überwältigt.


Warum entstehen Wutanfälle?

Im Kleinkindalter wächst der Wunsch nach Selbstständigkeit. Dein Kind entdeckt seinen eigenen Willen und entwickelt immer genauere Vorstellungen davon, wie etwas sein soll. Gleichzeitig kann es seine Gefühle noch nicht so einordnen und regulieren wie ein Erwachsener.


Wenn die eigene Vorstellung nicht mit der Wirklichkeit zusammenpasst, kann das für ein kleines Kind sehr belastend sein. Sein Wunsch ist da – aber die passenden Worte und Möglichkeiten, mit der Enttäuschung umzugehen, fehlen noch.


Aus Sicht des Kindes könnte sich ein Wutanfall ungefähr so anfühlen:


„Ich möchte noch rutschen. Mama sagt, wir müssen gehen. Ich verstehe nicht, warum mein Wunsch jetzt nicht möglich ist. Ich werde immer wütender und weiß nicht, wohin mit diesem Gefühl. Alles fühlt sich plötzlich falsch an.“


Ein Wutanfall ist deshalb keine böse Absicht. Er ist ein Ausdruck von Überforderung.


Dein Kind braucht jetzt keine langen Erklärungen. Während eines starken Wutanfalls ist dein Kind nicht in der Lage, dir aufmerksam zuzuhören oder vernünftig über eine Lösung zu sprechen.


Auch die Schritte der Gewaltfreien Kommunikation sind in diesem Moment nur begrenzt einsetzbar. Damit ein Gespräch gelingen kann, muss dein Kind wieder zuhören und das Gesagte verarbeiten können.


Zuerst geht es deshalb nicht darum, die Situation ausführlich zu erklären sondern um Sicherheit, Begleitung und Regulation.


Du kannst deinem Kind trotzdem mit wenigen, ruhigen Worten zeigen, dass du es siehst:


„Du möchtest noch bleiben.“

„Du bist gerade richtig wütend.“

„Ich sehe, wie traurig du bist.“

„Ich bin bei dir.“


Dein Kind nimmt vielleicht nicht jedes Wort bewusst auf. Es spürt aber deine Haltung: Du verstehst mich. Du siehst mich. Ich bin mit diesen großen Gefühlen nicht allein.


Nähe anbieten – aber nicht aufzwingen


Jedes Kind reagiert während eines Wutanfalls anders. Manche Kinder möchten sofort auf den Arm genommen werden. Andere können Berührungen in diesem Moment kaum aushalten. Sie brauchen etwas Abstand, möchten aber trotzdem wissen, dass ihre Bezugsperson in der Nähe bleibt.

Beides ist in Ordnung.


Bleibe bei deinem Kind und beobachte, was es gerade braucht. Du kannst die Arme öffnen oder ruhig fragen:


„Möchtest du zu mir kommen?“


Wenn dein Kind keine Berührung möchte, kannst du dich in seiner Nähe auf den Boden setzen und sagen:


„Ich bleibe hier. Du kannst zu mir kommen, wenn du mich brauchst.“


Gib deinem Kind so viel Freiraum wie nötig und so viel Nähe wie möglich.


Das Ziel ist nicht, den Wutanfall schnell zu beenden. Dein Kind darf traurig, wütend und enttäuscht sein. Es muss diese Gefühle aber nicht alleine tragen.


Verständnis und Grenzen gehören zusammen

Bedürfnisorientierte Begleitung bedeutet nicht, dass dein Kind alles bekommen oder jede Grenze aufgehoben werden muss.


Du kannst den Wunsch deines Kindes verstehen und trotzdem bei deinem Wunsch bleiben.


„Ich verstehe, dass du noch rutschen möchtest. Wir gehen jetzt trotzdem nach Hause.“

„Du darfst wütend sein. Ich lasse aber nicht zu, dass du mich haust.“

„Ich sehe, dass du das Spielzeug möchtest. Es gehört aber einem anderen Kind.“


Gefühle dürfen da sein. Verletzendes oder gefährliches Verhalten muss trotzdem begrenzt werden.


Wenn dein Kind schlägt, tritt, beißt oder Gegenstände wirft, darfst und musst du eingreifen. Bleibe dabei so ruhig wie möglich, sichere die Situation und formuliere deine Grenze kurz und klar:

„Stopp. Ich lasse nicht zu, dass du haust.“


In einem gefährlichen Moment braucht dein Kind keine lange Erklärung. Es braucht einen Erwachsenen, der Verantwortung übernimmt und für Sicherheit sorgt.


Bleib ruhig – auch wenn es schwerfällt


Natürlich ist das leichter gesagt als getan.

Ein laut schreiendes Kind kann auch bei uns Erwachsenen starke Gefühle auslösen. Vielleicht wirst du selbst wütend, fühlst dich beobachtet oder hast das Gefühl, sofort etwas tun zu müssen.


Versuch trotzdem, nicht gegen die Wut deines Kindes anzukämpfen.

Anschreien beendet einen Wutanfall vielleicht kurzfristig, weil das Kind erschrickt. Es lernt dadurch aber nicht, seine Gefühle zu verstehen oder mit ihnen umzugehen.

Deine Ruhe gibt deinem Kind Orientierung. Du musst dabei nicht vollkommen entspannt sein. Es reicht, wenn du versuchst, langsamer zu sprechen, bewusst zu atmen und bei wenigen klaren Sätzen zu bleiben.


Und wenn es einmal nicht gelingt? Dann darfst du auch später Verantwortung übernehmen:


„Ich war selbst sehr wütend und habe zu laut gesprochen. Das war nicht in Ordnung. Es tut mir leid.“


Auch damit bist du deinem Kind ein wichtiges Vorbild.


Das Gespräch kommt nach dem Wutanfall


Erst wenn dein Kind wieder ruhiger ist, kann die Situation besprochen werden. Vielleicht sitzt es bei dir auf dem Schoß, sucht deine Nähe oder beginnt wieder, seine Umgebung wahrzunehmen. Dann kannst du noch einmal kurz erklären, was passiert ist:


„Du wolltest noch rutschen und warst sehr wütend, weil wir gehen mussten.“

„Jetzt hast du dich beruhigt. Wir gehen gemeinsam nach Hause.“


Manche Situationen können auch am nächsten Tag noch einmal aufgegriffen werden. Dann könnt ihr gemeinsam überlegen, was beim nächsten Mal helfen könnte.


Kinder haben dabei oft erstaunlich gute Ideen:

„Möchtest du beim nächsten Mal vorher wissen, wie oft du noch rutschen kannst?“

„Sollen wir einen Abschiedsspruch für den Spielplatz finden?“

„Was könnte dir helfen, wenn du so wütend wirst?“


So lernt dein Kind Schritt für Schritt, seine Gefühle zu erkennen, Worte dafür zu finden und später eigene Lösungen zu entwickeln.

Rituale und Vorbereitung können helfen

Nicht jeder Wutanfall lässt sich verhindern – und das muss auch gar nicht das Ziel sein.


Wiederkehrende Abläufe können deinem Kind aber Sicherheit geben. Wenn es weiß, dass nach dem Abendessen gewaschen, Zähne geputzt und anschließend eine Geschichte gelesen wird, kann es sich besser auf den Übergang einstellen.


Auch kleine Ankündigungen helfen:

„Du kannst noch dreimal rutschen. Dann gehen wir nach Hause.“

„Wenn der Timer klingelt, räumen wir gemeinsam auf.“


Plane bei schwierigen Übergängen etwas mehr Zeit ein. Ein Kleinkind kann seinen Wunsch nicht einfach auf Knopfdruck abschalten. Es braucht Zeit, um sich von seiner Vorstellung zu verabschieden.


Dein Kind lernt durch deine Begleitung

Kinder müssen den Umgang mit starken Gefühlen erst lernen. Sie können sich nicht von Anfang an allein beruhigen.


Durch deine Begleitung erfährt dein Kind:


Meine Gefühle dürfen da sein. Ich werde auch dann geliebt, wenn ich wütend bin.

Meine Bezugsperson schützt mich und setzt klare Grenzen. Nach einem schwierigen Moment können wir wieder zueinanderfinden.

Du musst den Wutanfall nicht „wegmachen“. Du musst auch nicht immer die perfekten Worte finden. Bleibe da. Zeige Verständnis. Sorge für Sicherheit. Halte die Grenze und schenke deinem Kind die Zeit, die es braucht.


Denn dein Kind muss seine großen Gefühle nicht alleine tragen. Es wir später, wenn dein Kleinkind kein Kleinkind mehr ist, toll und spannend sein zuzusehen, wie dein Kind dann anderen, kleineren Kindern hilft ihre Gefühle zu verstehen. Du wirst erstaunt sein, wie dein Kind, wenn es gelernt hat mit Gefühlen und Konsequenzen umzugehen reagiert wenn ihr was aus macht. Es ist harmonisch und liebevoll, wertschätzend und schön. Die Arbeit jetzt, trägt später Früchte 🫶


Denise Hettmannsperger

 
 
 

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